Wenig Aufmerksamkeit für Burma zur Zeit: Genau hier will das Netzwerk “Blog 4 Burma” einhaken, genau jetzt sind wache Notizen, Berichte und Beobachtungen von Nöten. Einige der Meldungen aus den letzten Wochen laufen allerdings in divergente Richtungen, Nachdenklichkeit des Bloggers ob der zu findenden persönlichen Position hält Einzug, anbei die Trackbacks zu Medienfunden sowie der Versuch einer Einordnung in das individuelle Weltbild.

1) Ausführlich dokumentiert auf Birma News United und in|ad|ae|qu|at fabuliert Alice Schwarzer über beschauliche touristische Impressionen ihrer Reisen durch das Land. Freundliche Menschen, berauschende Landschaft und ein autoritäres Regime als “das kleinere Übel für die Bevölkerung ” fügen sich in ihrer Burma-Saga vom 1. Juni in der FAZ zu einem Panoptikum an Verharmlosung, Schönschreib und mitteleuropäischem Neckermann-Blick auf die Situation.
Fazit: bitte unbedingt hinfahren, die Leute dort können jeden Kyat brauchen, und eigentlich ist es eh sehr schön und die Menschen ertragen ihre Armut in Würde (OK, recht pointiert zusammengefasst, doch über den Link kann sich jeder selbst informieren). Trotzdem bleiben auch beim kritischen Leser einige Phrasen hängen, Bilder verschieben sich, selbst war man noch nie dort, wie ist das wirklich?
2) In diese Nachdenklichkeit dringt ein weiterer, aktueller und authentischer Reisebericht: Manfred Rist fährt in der NZZ vom 5. Juli “In der Upperclass von Rangun nach Moulmein” (kein Online-Link möglich), gemeint sind damit komfortable Zugswaggons aus britischer Kolonialherrschafts-Zeit, welche immer noch im Liniendienst im Einsatz stehen. Eine vor allem auch kulinarische Expedition, kann sich doch der Autor kaum der Köstlichkeiten erwehren, die da während der Zugsfahrt an seiner Nase vorbeigetragen werden. Genüsslich wird in den schaukelhemmenden Fauteuils geschlemmt, und auch für das Rundherum ist gesorgt, Zitat: “…Dass nach dem Schmaus kein Wunsch offenbleibt, dafür sorgen die Händler – die meisten noch im Kindesalter -, die in unermüdlicher Arbeit durch ein Abteil nach dem anderen stapfen und von Wasser und Tee über Kaffee bis zur typischen Cheerot-Zigarre und zum Zahnstocher alles anbieten… “.
Und dann, ganz im Tone von Schwarzer, einige schwer verdauliche Zeilen, Zitat: “…Burma ist der ideale Ort, über die Moderne nachzudenken. Als Antithese zur Globalisierung verweigert sich der Staat dem Kommunikationszeitalter und definiert seine Untertanen als selbstgenügsame Landwirte. Leben bedeutet Überleben. Der Tag wird nicht durch Kunstlicht verlängert. Die Rollen in Familie und Gesellschaft sind klar. Gehorsam und Genügsamkeit sind Ausfluss der buddhistischen Lehre. Geben ist wichtiger als Nehmen…”.
Manfred Rist steht nicht an, auch die unmenschlichen politischen und humanitären Tatsachen kurz anzuschneiden, in der Gesamtbalance des Artikels wirkt dieser Absatz aber wie eine journalistische Pflichtübung, ein minderer Makel in dem Land, wo man noch so richtig mit der Natur im Einklang leben kann, und das fehlende Kunstlicht alternde-ex68er endlich wieder zu “antithesischen” Höhenflügen animiert.
Auch hier verrutschen beim Leser eingeprägte Muster: Terror, Morde und Willkür des Regimes treten in den Hintergrund, das Alltagsleben in Burma scheint doch unabhängig von sachlich-politischen Meldungen recht gut zu funktionieren, wie kann man hier als wacher Beobachter eine klare Position im Sinne der Menschlichkeit finden?
3) Als APA-Meldung vom 7. Juli finden sich folgende Zeilen: “Es herrscht Zuversicht und Hoffnung.” So beschreibt der vergangene Woche aus Burma zurückgekehrte Österreichische Rotkreuzhelfer Herbert Thaler die Stimmung im Katastrophengebiet….Herbert Thaler wäre gerne noch länger geblieben: “Burma ist
interessant und die Leute sind sehr freundlich.” Er ist froh, dass sich das Land “zumindest ein bisschen” von der Naturkatastrophe erholt hat.

Drei Berichte, drei Momentaufnahmen: Einerseits bringen diese ein Land näher, dessen Alltag so fremd anmutet, vor allem Schwarzer aber schraffiert da mit rosarotem Buntstift gegen die Tatsachen der unmenschlichen Repression der Menschen. Wenige Fakten schon ergeben ein kohärentes Abbild der Allmacht der Junta, der Willkür und des Selbstzwecks. Nicht zufällig steht Burma auch an der Spitze der von Transparency International geführten Liste der korruptesten Länder der Welt.
(Seitenanmerkung: Der auch in Blogkreisen oft zitierte FORBES-Artikel zu diesem Thema steht alleine für sich, ohne stützende Agenturmeldungen, ohne Hinweise auch auf den Webseiten von Transparency International. Dieser mit 27. Juni 2008 datierte Artikel nutzt scheinbar die Daten des Korruptionsberichts 2007, da das Thema des aktuellen Berichts 2008 “Korruption und Wasser” war, und Burma/Myanmar in diesem aktuellen Bericht nicht vorkommt.)
In diesem Sinne sei auf die aktuellsten Beiträge aus dem B4B-Netzwerk verwiesen, nur durch die Vielfalt, den Vergleich und die umfassende Recherche kann sich eine gesicherte persönliche Meinung herausbilden: