blog4burma

B4B: Medien und Meinungsfreiheit

Wochenlange Ratlosigkeit beim Blick in die Newsfeeds der großen Agenturen mit den Suchworten “Burma”, “Birma” und “Myanmar”:
Von der relativ intensiven Berichterstattung rund um die niedergeschlagenen friedlichen Demonstrationen im letzten Sommer/Herbst ausgehend, war für uns die vergleichende Forschung angesetzt, Quersichten wer - was - wann - wie Schreibt, Zeigt und Sendet. Nachdem sich (wie an sich erwartet) der Fokus der Ressorts “Foreign Affairs” auf andere Länder verschoben hatte, bricht auch die Berichterstattung über die Berichterstattung in sich zusammen. Worüber Schreiben, wenn nicht geschrieben wird? Was aufzeigen, wenn mangels direkt zählbarer Todesopfer kein “Einserkastl”, aber auch keine Kleinmeldung unter “Vermischtes” mehr aufzufinden ist?

Im Versuch der Zugangsfindung zeigen sich dann versprengte Meldungen über die Eingriffe der Militärdiktatur in den Alltag der Menschen, der Beschränkung an Zugang zu unabhängigen Medien, der Verhinderung von freiem Journalismus. Dabei wird unsere gängige Theorie, dass vermehrtes Medienangebot zwar unsägliche kommerzielle Auswüchse, doch auch ungefilterte Berichterstattung möglich macht, einer harten Probe unterzogen:
Dies kann maximal für distanzierte Beobachtung im fernen Ausland erfolgen, doch innerhalb eines kontrollierbaren Staatsgebietes besteht auch im Jahr 2008 immer noch die Möglichkeit, Meinungsterror über Medienkontrolle auszuüben. Vereinfachte Plattidüden wie “das findet sich ohnehin alles im Internet“, “über Satellitenfernsehen kann man sich sämtliche Informationen holen“, “mit SMS kann man spontan eine Demo organisieren“, oder “dann sollen sie doch Raubkopien unter dem Ladentisch verbreiten” verlieren angesichts der konkreten, kleinteiligen und leider recht geschickten Eingriffe der Machthaber rasch ihre flapsige Aussage. Anhand der einzelnen Technologien möchten wir Einblick in die Möglichkeiten an Medienkontrolle aufzeigen.

1) Internet
Stichwort: Infrastruktur.
1105841711.LGL.2D
(Quelle: www.opte.org)

Buhlen in den Industrieländern zahllose Provider, Zugangspunkte und Terminals um die Gunst des Surfers, hängt der Breitbandzugang in Wirklichkeit am sprichwörtlichen “Seidenen Faden“: Alle Datenströme sammeln sich an den Backbones, den Glasfaser-Verbindungen zwischen Ländern und Kontinenten. Völlig real und non-virtuell muss es da Rohre und Leitungswege geben, völlig real benötigt man Router und Switches, Rechenzentren mit Klimageräten, DNS-Server und Proxies: Unmöglich, solche Strukturen im Untergerund zu betreiben, unmöglich, solche Aktivitäten langfristig an einer staatlichen Behörde vorbei zu unterhalten.
Bedenkt man dazu noch die Grundlegende Eigenschaft des TCP/IP-Protokolls, Verbindungsinformationen mitzusenden, und die inherente Punkt-zu-Punkt Kommunikation (im Gegensatz zu den Point-to-Multipoint Technologien wie Rundfunk) wird aus einem vermeintlich “offenen”, “anonymen” und “reduntantem” Netzwerk rasch eine fragile (Geheimdienst-) Falle.
Über restriktive Zugangskosten ($35.- je Anschluss), Genehmigungspflicht für Webseiten, Content-Filterung und Besucherkontrollen in Internet-Cafes wird die Nutzung im Land selbst unterbunden, durch Inhaftierung von Journalisten und Bloggern auch die Berichterstattung an das Ausland. Quote aus dem OpenNet-Initiative-Bericht zu Burma:

Network-ready computers must be registered (for a fee) with the MPT; failure to do so can result in fines and prison sentences of seven to fifteen years.14 Sharing registered Internet connections is also punishable by revocation of access and presumably similar “legal action.”15 Broad laws and regulations confer power upon the SPDC, which is also involved in all judicial appointments,16 to punish citizens harshly for any activity deemed detrimental to national interests or security.

Links, die man wirklich anklicken und lesen sollte dazu:

2) Print
Stichwort: Redaktion.
MyanmarTimes1
(Quelle: www.cpj.org)

Wiewohl mit vertretbarem Aufwand dezentral herstellbar, bestehen die meisten Druckwerke im Gegensatz zum Internet-Blog aus einer vielzahl von in Ausgaben versammelten Artikeln. Neben den physikalischen Ressourcen braucht es dafür nicht nur eine einzelne mutige Person, sondern ein ganze Gruppe an entschlossenen Schreibern und Maschinisten. Auch Vetrieb und Zustellung bedürfen - Abseits spontaner Handzetteln - Logistik und Netzwerken. Relativ leicht gelingt auch hier der Zugriff eines Regimes, sichtbar etwa an der (fragwürdigen) Position der privaten, doch Regierungs-Geduldeten wöchentlichen “Myanmar Times“: am 18. Februar wegen Berichterstattung über die Erhöhung der Satelliten-TV-Gebühr vorübergehend eingestellt, findet sich am 25. Februar eine Meldung, dass das Blatt ab Mai sogar täglich erscheinen soll, Journlisten aus Australien helfen beim Aufbau einer Lehrredaktion.

3) TV
Stichwort: Empfang.
000010-1
(Quelle: Originalseite nicht erreichbar, Titel “The Community Satellite Dish outside Yangon”)

Großer Aufwand im Studio, große Investitionen, teure Sender und Uplinks: Freies TV in einem unterdrückten Land herzustellen ist wohl undenkbar, dafür aber kann man mit einem Sender (an der Grenze) oder einem Satellitenkanal relativ flächendeckend unzensierte Berichte ausstrahlen. Empfang und Dekodierung dagegen sind nicht-trivial, strukturelle Sichtbarkeit der Empfangsantenne, das bläuliche Glühen des Bildschirms und Vernaderung durch regimetreue Nachbarn bilden schneller als gedacht Barrieren für die Meinungsfreiheit. Werden dann noch Antennen nicht komplett verboten, doch mit restriktiv hohen Gebühren belegt, findet sich wieder ein Hebel zur totalen Kontrolle der verfügbaren Information.

Birma hat die Gebühren für Satelliten-Fernsehen drastisch erhöht und den Zugang zu ausländischen Medien erschwert. Die jährliche Gebühr für die Nutzung einer Satelliten-Schüssel stieg um das 167-fache von umgerechnet 3,20 Euro auf 544 Euro.

Quelle: rp-online.de

4) Radio
Stichwort: diskretes Massenmedium.
radio 2
(Quelle: asianews.net, komplette Originalseite nicht mehr erreichbar)

Hier kann nun adaequater Sachverstand ansetzen: Radio als erstes elektronisches Massenmedium, für Propaganda (siehe Drittes Reich) ebenso wie als klassisches “Piratenradio” zum Aufbau einer kritischen Öffentlichkeit. Bei den bisherigen Online-Suchen fanden sich außer den Standard-Links auf das staatliche Radioprogramm keinerlei Hinweise auf Radio-Aktivitäten innerhalb des Landes oder entlang dessen Grenzen, trotzdem wollen wir in Fortsetzungen dieses Artikels speziell auf die Möglichkeiten von Senden und Empfangen eingehen, mit konkreten Informationen zu entsprechenden Bebobachtungen in Burma falls verfügbar.

Anbei Links zu aktuellen Berichten über die Situation im Land, teilweise aus dem Netzwerk “Blog4Burma”:

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